Die Sterne erblassen schon. Bald wird Helios die Sonnenscheibe vor sich her treiben. Das weite Areal des Königshofes liegt im Dunkel. Allmählich wird die Silhouette der mächtigen Mauern und Türme sichtbar.
Ringsum ist Stille im Tal. Der Fluss schickt sein leises Plätschern in den Morgen. Er eilt dem Meer zu, das alle das ‚Schwarze‘ nennen.
Ein Mädchen eilt über den glatten Steinboden des Innenhofes, der das Frauenhaus vom Palast trennt, geht an der inneren Mauer entlang, auf dem Weg, den die Königskinder gehen dürfen. Es ist Medea, die junge Priesterin, Tochter des Aietes. Sie geht die wenigen Stufen zum Tempel hinauf. Sie zögert. Dann tritt sie auf den rauhen Stein, der die Außenwelt von dem heiligen Raum fernhält. Sie spürt unter den nackten Sohlen das Relief, dessen Muster und Schnörkel den Namen enthalten. Den Namen der Einzigen, der Göttin. Und wie beim ersten Mal ist es auch jetzt. Ruhe erfüllt allmählich den Körper und es gelingt Medea, alle Bilder des Traumes nach und nach zu erfassen. Wie ein Mosaik zu ordnen. Knieend vor der kleinen Statue der Göttin, die Ärmel des blauen Mantels weit zurückgeworfen, die Hände rechts und links in goldenen Schalen voller duftender Kräuter vergraben, besinnt sie sich.
Leise, mit geschlossenen Augen spricht sie den Traum vor sich hin, der sie vom Bett aufgejagt und mit Entsetzen erfüllt hierher getrieben hat. Während sie nun die vertrauen Formeln singt, das glimmende Kraut beträufelt, füllen die Düfte des heiligen Feuers allmählich den hohen von vielerlei blaufarbigen Kacheln verzierten Raum.
Draußen verläßt Aietes den Palast.
Er geht allein.
Sein Weg ist der kürzeste. Er geht auf dem Pfad, der den Königen vorbehalten ist Dieser Weg durchschneidet den weiten Hof. Dunkel ist der Boden, als er ihn betritt. Als er ihn verlässt, um durch das Tor der inneren und dann der zweiten und dann der dritten Mauer zu gehen, ist die Farbe der kostbaren Fliesen immer noch nicht zu sehen.
Die Wachen haben ihn wortlos passieren lassen. Aietes geht schnell und entschlossen. Er ist in seinem schwarz-roten Mantel, mit seinem leicht hinkenden, vornüber gebeugten Gang sofort zu erkennen.
Der Weg ist steinig. Wild, von Kräutern bewachsen, staubig, bedeckt von schwarzem Geröll. Er führt den Wanderer zu dem hohen Palast des Gottes. Helios, der Sonnengott. Er ist sein Vorfahre. Er, der König von Aia, geht ihm heute wieder einmal entgegen. Das Massiv, in dem der Gott die Nacht verweilt, verdeckt nun schon fast den gesamten Himmel.
Aietes blickt auf. Die umstehenden Felsen wechseln ihre Farbe. Die Welt um ihn her konzentriert sich auf den beginnenden Tag.
Jetzt bleibt er stehen. Ruhig gleitet sein Blick über die große Wiese, erfasst den Baum, der sich am rechten Rand der weiten Rundung erhebt und bleibt einen kurzen blinzelnden Moment auf dem goldenen Glanz hängen.
Es liegt dort schon lange Zeit, das Widderfell. Auf den Ästen des alten Baumes.
Aietes geht hin. Niemals würde er es berühren. Es ist heilig. Das Heiligtum seiner Königswürde.
Er betrachtet es aus der Nähe und singt leise eines der Lieder. Deren Sinn ist ihm kaum verständlich. Die Lieder stammen aus der alten Zeit, als die Götter noch in Gemeinschaft mit den Menschen lebten...
Medea wendet sich dem einzigen Fenster zu und fleht zu ihrer Göttin, die Bilder des Traumes einer anderen Deutung zuzuführen, einer anderen Wirklichkeit. Sie weiß jetzt, warum sie erwachte.
Währenddessen gibt der Wachtposten dem Schreiber Auskunft über alle nächtlichen Ereignisse. Auch der Gang des Königs zum Gebirge wird sorgfältig notiert.
Der Pfad des Herrschers beginnt nun zu leuchten. Er ist so gelegt worden, dass ihn die Strahlen des Helios erfassen, sobald dieser sich auf die Tagesreise begibt.
Dunkelrot erglühen die Fliesen, auf denen der König so früh den Palast verließ. Jetzt kommt er ruhig zurück. Umfasst von goldenen Schienen wölben sich inmitten der glutroten Steine die Schädel der Besiegten.
Besiegte allesamt. Kämpfer, die ihm, Aietes, das goldene Vlies rauben wollten.
Das goldene Vlies, dessen Anblick ihm heute morgen den weiten Weg durch die Landschaft hin zu seinem Gott wert war.
Berlin
Jetzt leben wir in Berlin.
Berlin ist eine große Stadt.
Überall sind Gerüche und Geräusche.
Ich vermute, die Bäume ertragen den Lärm auch nur mühsam.
Manchmal gehen wir auf der Suche nach Stille weit – das heißt:
Wir fahren mit der U-Bahn lange Strecken unter oder über der Erde.
Solche Reisen planen wir.
Wir nehmen uns eine Landkarte.
Diese Karte sehen wir uns sehr genau an.
Wir suchen die Farbe Grün oder die Farbe Blau.
Grün bedeutet: Wald, Wiese, Feld.
Blau bedeutet: Wasser.
So finden wir schnell heraus, wohin wir fahren müssen, um auf ein Feld zu kommen.
Oder in den Wald.
Oder an einen See.
Dann nehmen wir altes Brot mit.
Das haben wir, weil Lisa oft ihr Brot nicht aufisst.
Sie weiß nämlich, dass sie nur so lange essen muss, bis sie satt ist.
Manchmal ist sie aber schon nach einem Bissen wieder satt.
Besonders am Morgen, wenn sie gerade erst aufgestanden ist,
oder tagsüber wenn sie heimlich Süßigkeiten genascht hat.
So bleibt also das Brot für die Enten übrig.
Auch das für die Schwäne und Möwen.
Ehrlich gesagt, mache die Planung meistens ich.
Lisa schaut sich zwar die Karte an, aber sie sucht nur die Gegend, wo Oma wohnt.
Sie zeigt mit dem Finger auf irgendeine Stelle und sagt:
‚Hier wohnt die Oma’.
Das alte Brot packen wir ein, weil sie sonst gar keine Lust hat, mitzukommen.
Sie möchte viel lieber fernsehen.
Verständigung
Lisa ist vier Jahre alt.
Wenn ein Erwachsener oder ein Kind sie fragt, wie alt sie ist,
antwortet sie unterschiedlich:
Ist es ein Erwachsener, sagt sie stolz ‚vier Jahre’ oder auch nur ‚vier’.
Ist es aber ein Kind, dann hebt sie eine Hand und zeigt vier Finger.
Den Daumen versteckt sie.
Manchmal trifft sie auf ein Kind, das es genauso macht.
Zum Beispiel in der U-Bahn.
Ist es ein Kind, das ebenfalls neugierig ist, verstehen sie sich sofort.
Sie heben beide ihre kleine Hand und zeigen das Alter:
Vier Finger von Lisa und vier Finger von dem anderen Kind.
Dann lachen sie.
Seltsam.
Neuerdings nehme ich mir ein Buch mit, wenn ich in den Kindergarten gehe,
um Lisa abzuholen.
Warum?
Weil ich häufig lange warten muss, bis sie bereit ist, mit mir nach Hause zu kommen.
Entweder sitzt sie am Tisch und isst.
Oder sie will noch ein Puzzle zu Ende legen, oder Katze sein.
Dann ist ein anderes Kind die Katzenmama und sie das Katzenkind.
Oder: Sie spielen ‚tot’.
Eins von beiden legt sich hin und macht die Augen zu.
Das andere Kind streichelt es und macht es damit wieder lebendig.
Bei so wichtigen Spielen möchte ich natürlich nicht stören.
Deshalb lese ich – auf einem kleinen Stuhl sitzend – mein Buch.
Aber irgendwann werde ich dann ungeduldig und sage:
"So. Jetzt ist aber Schluss. Bitte zieh’ dich an. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns".
Ich klappe mein Buch zu und hole die dicken Wintersachen vom Bügel.
Aber da hat sie vielleicht noch eine Eisenbahn entdeckt.
Ich sage: "Morgens willst du nicht in den Kindergarten und abends nicht nach Hause".
Das finden wir beide sehr seltsam.
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